Viktor Röthlin

Europameisterschaften Barcelona 2010 - 1. RAng

Herzliche Gratulation Sie sind Europameister, wie fühlt sich das an?

Das fühlt sich sehr gut an! Vor dem Renne fühlte ich mich wie vor meinem ersten Marathon. Denn nach all den gesundheitlichen Problemen im letzten Jahr, wusste ich überhaupt nicht wo ich stehe. Schlussendlich konnte ich mit dem Startschuss alle Unsicherheiten abwerfen und lief wohl das Rennen meines Lebens. Bei jedem Schritt den ich machte, war ich überzeugt dass es der Richtige war. Ich hatte während dem ganzen Marathon keine Krise, ich glaube das war wirklich das perfekte Rennen!

Es scheint, dass Sie als einziger mit der Hitze keine Probleme hatten. So liefen nur Sie die zweite Streckenhälfte schneller als die Erste. War es wirklich so leicht oder mussten auch Sie kämpfen?

Nein, die äusseren Bedingungen waren auch für mich sehr hart. Nur habe ich mich, im Unterschied zu meinen Konkurrenten, wohl vermehrt damit auseinandergesetzt. So trainierte ich in der Vorbereitung schon bewusst in der Hitze. Zudem hatte ich ein erprobtes Cooling-System am Wettkampftag. Ich habe meine ganze Erfahrung von den beiden Hitzemarathons in Osaka (WM 2007) und Peking (OS 2008) nun in Barcelona umgesetzt. So habe ich meine Körperkerntemperatur mit so genannten EM-Cool-Pads vor dem Start tief gehalten. Zudem startete ich mit einem frischen Set Pads direkt aus der Kühlbox zum Marathon. Diese warf ich dann kurz vor der 5 Kilometermarke weg. Weiter hatte ich für die ersten Minuten des Rennens noch in Liquid-Ice-getränkte Ärmlinge getragen. Und alle 5 Kilometer war an meine Isostar-Flasche bei der offiziellen Verpflegung zudem eine kleine Flasche mit „Flüssig-Eis“ geklebt. Dieses schüttet ich mir jeweils bevor ich trank über meinen Nacken und Oberkörper.

Den entscheidenden Angriff lancierten sie noch vor dem 28 Kilometer. Hatten Sie nie Angst, dass dies zu früh war?

Eigentlich wollte ich gar nicht so früh die Entscheidung herbeiführen. In dieser Rennphase merkte ich aber, dass „Chema“ Martinez ein wenig in Schwierigkeiten war. Da er der meistgenannte Favorit im Rennen war, versuchte ich ihm in dieser Phase des Rennes einfach ein bisschen weh zu tun und steigerte etwas das Tempo. Als ich mich dann umschaute, war eine deutliche Lücke entstanden. Von da an lief ich einfach zu, immer mit dem Gedanken im Kopf nicht zu „überpacen“, denn ich konnte selber nicht glauben, dass dieses Ding nun schon gelaufen war.

Das Ding war aber gelaufen und Ihr Vorsprung vergrösserte sich von Kilometer zu Kilometer. Wann haben auch Sie daran geglaubt, dass Sie am Schweizer Nationalfeiertag Europameister werden?

Bei der Pressekonferenz mit den Schweizer Medienleuten wurde ich am Freitag vor dem Rennen zu den Knackpunkten der Strecke befragt. Dort gab ich an, dass es sicherlich sehr speziell sein wird, bei Kilometer 40 am Ziel vorbei zu laufen, einen Kilometer raus zum Columbus Circle und dann wieder einen Kilometer zurück zum Ziel. Weil man dann genau sehen kann, wie weit weg oder eben voraus man gegenüber seinen Gegnern ist. Ein Journalist fragte mich dann, was ich bei Kilometer 40 am liebsten von meinem Betreuer hören möchte? Meine Antwort war: „Viktor geniesse es, du hast eine Minute Vorsprung!“ Am 1. August 2010 rief mir mein Betreuer Daniel Brodard dann bei der 40 Kilometermarke folgendes zu: „Viktor geniesse es, du hast zwei Minuten Vorsprung!“ Da wusste ich, jetzt wirst du Europameister.

Und zum Schluss, was ging Ihnen auf den letzten Metern des Rennes durch den Kopf?

Obwohl es doch ziemlich warm war an diesem Tag in Barcelona, lief es mir kalt den Rücken herunter. In meinem Kopf erschienen Bilder von der Intensivstation, und von den schwierigen Monaten während dem ganzen Wiederaufbau. Ein solches Happy End zu erleben, war einfach perfekt und belohnte mich und all die Menschen, welche nie aufgehört hatten an mich zu glauben. Und es scheint so, dass mir das Heiraten im 2009 gut getan hat ;-)

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